Allgemeine Schwächen von MS-Studien

Schwäche 1: Bedeutung der Schubrate

Endpunkt vieler Studien ist eine Senkung der Schubrate, also der Anzahl von Schüben pro Jahr. Es ist jedoch umstritten, ob die Anzahl der Schübe wirklich eine Bedeutung für den weiteren Verlauf der MS hat. Gesichert ist lediglich, dass eine Anzahl von mehr als vier Schüben im ersten Jahr der Erkrankung ungünstig für den weiteren Verlauf der MS sind.

Schwäche 2: Messung der Beeinträchtigung

MS-Patienten haben oft sehr unterschiedliche Beeinträchtigungen.Die Beeinträchtigung der Patienten wird mit einer neurologischen Skala gemessen, der „Expanded-Disability-Status- Scale“ (EDSS) nach Kurtzke, auf Deutsch „Erweiterte Beeinträchtigungsskala“.Die Einordnung in dieser Skala erfolgt durch eine neurologische Untersuchung. Dabei stellt diese die Beeinträchtigung des Gehens sehr in den Vordergrund.

Es war vom Konzept vieler Studien her darüber hinaus kaum möglich, einen Effekt auf die Zunahme der Beeinträchtigung im EDSS nachzuweisen. Dazu wäre eine längere Studiendauer oder eine Patientengruppe mit höherer Krankheitsaktivität notwendig gewesen.

Die EDSS-Skala

Die EDSS-Skala geht von 0 = „keine Beschwerden“ in Schritten von 0,5 bis hin zu 10 = „Tod durch MS“. Natürlich kann man die vielen sehr unterschiedlichen Arten von MS-typischen Beeinträchtigungen nicht wirklich auf einer einzigen Skala abtragen. Anders ausgedrückt: Es ist sehr schwierig, einen Betroffenen mit seinen ganz persönlichen Beeinträchtigungen einzuordnen oder mit anderen Betroffenen bezüglich des Schweregrades zu vergleichen. Um es doch zu versuchen, misst die Skala auf unterschiedlichen Abschnitten unterschiedliche Beeinträchtigungen. Von „0“ bis „3,5“ wird der Wert im Rahmen einer neurologischen Untersuchung bestimmt. Von „4“ bis „7“ beruht der Wert auf der maximalen Gehstrecke. Bei den Werten über „7“ entscheidet das Ausmaß der Pflegebedürftigkeit. Damit sind die Abstände zwischen den Zahlenwerten je nach Bereich der Skala sehr unterschiedlich. So ist z.B. der Sprung von 6,0 bis 6,5 viel größer als von 1 auf 1,5.

Ein Problem der Skala ist, dass z.B. zwei Betroffene mit dem Wert „5“ auf der EDSS-Skala sehr unterschiedlich stark beeinträchtigt sein können, weil „5“ nur etwas über das Gangbild aussagt. Zwischen verschiedenen Untersuchern, die den gleichen Patienten untersuchen, treten zudem regelmäßig Unterschiede von 0,5-1 Skalenpunkten auf. Aus der Patientenperspektive ist dabei evtl. gar kein Unterschied zu bemerken.

Bei den MS-Studien wird generell eine Verschlechterung um einen Punkt der Skala als Progression, also als Zunahme der Beeinträchtigungen angesehen. Eine solche Progression sollte durch eine zweite Untersuchung nach 3-6 Monaten bestätigt werden, um nicht aus Versehen schubbedingte Verschlechterungen zu erfassen. Häufig ist aber selbst das nur begrenzt aussagekräftig, denn es kann sein, dass sich auch 6 Monaten nach Schubbeginn Beschwerden noch bessern. Der Patient hat in einem solchen Fall also keine Progression seiner Erkrankung, sondern lediglich einen lang andauernden Schub.

Schwäche 3: Wirkungen auf das Kernspin

Vor allem aufgrund der deutlichen Effekte der Interferontherapie auf Veränderungen im Kernspin werden die Interferone als Therapien anerkannt und von den Krankenkassen getragen. Aus Veränderungen im Kernspinbild lässt sich jedoch nur sehr begrenzt auf das Ausmaß einer aktuellen oder möglicherweise noch kommenden Beeinträchtigung schließen. Am größten ist die Aussagekraft von Veränderungen für den weiteren Verlauf bei Bildern, die zu Beginn der Erkrankung gemacht wurden. Hier besteht ein Zusammenhang zwischen der Anzahl der Entzündungsherde im sogenannten T-2-gewichteten Kernspinbild und der Entwicklung weiterer Schübe, sowie einer zunehmenden Beeinträchtigung.Untersuchungen mit anderen Medikamenten haben jedoch auch signalisiert, dass trotz stabilem Kernspin-Befund die Beeinträchtigung zunehmen kann. Kürzlich wurde darüber hinaus gezeigt, dass die Wirkungen einer Interferontherapie auf die Beeinträchtigung nur zum Teil parallel zu den Effekten im Kernspin zu beweisen sind. Das heißt, es gibt Patienten, denen geht es trotz schlechterem Kernspinbefund besser und umgekehrt. Neue Kernspintechniken werden evtl. helfen, mehr Klarheit zu bringen.

Schwäche 4: Dauer der Studien

Die MS-Therapiestudien wurden über ein bis maximal drei Jahre durchgeführt. Dies ist für eine Krankheit, die 30 Jahre oder länger andauert, eine relativ kurze Zeit. Ob die Beeinträchtigung unter einer Langzeittherapie größer oder geringer wird, ist unklar. Bei einer fehlgeschlagenen Studie zum Sulfasalazin bestand beispielsweise nach zwei Jahren eine Wirksamkeit,welche nach drei Jahren aber nicht mehr nachzuweisen war. Hier zeigt sich ein Schlüsselproblem bei der Beurteilung fast aller MS-Therapiestudien. Ein Wirkungsnachweis nach 2 Jahren Therapiestudie kann z.B. 15 Jahre später im Krankheitsverlauf verschwinden. Das heißt: die Evidenz für einzelne Therapien entspricht ungefähr einer Nasenlänge Vorsprung eines Fünftausendmeterläufers nach der ersten Runde.

Schwäche 5: Studienqualität

Wenn Teilnehmer aus einer laufenden Studie aus irgendwelchen Gründen die Studie abbrechen, fehlen Daten, und die Ergebnisse können verzerrt sein. Beispielsweise wäre es denkbar, dass man die Daten von Patienten, die aufgrund einer deutlichen Verschlechterung ihrer Beschwerden vorzeitig aus der Studie ausgeschieden sind, in der Gesamtauswertung unberücksichtigt lässt. Dies führt dazu, dass die positive Wirkung eines Medikamentes überbetont wird.

Je höher die Zahl der Aussteiger, desto geringer also die Aussagekraft der Studie. Dies wurde zum Beispiel in einer systematischen Übersicht oder Metaanalyse durchgespielt. Wenn man allen Patienten, die nicht über die volle Zeit untersucht werden konnten, eine Zunahme der Beeinträchtigung unterstellt, wären z.B. die positiven Effekte der Interferontherapie auf die Beeinträchtigungen nicht mehr nachweisbar.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass aufgrund der typischen, leicht erkennbaren Nebenwirkungen des Interferons die Verblindung nicht sicher gegeben ist. Dies kann zur Verfälschung der Ergebnisse führen.

Durch den Glauben, das richtige Medikament oder ein Scheinmedikament zu bekommen kann schon ein Effekt auftreten („Der Glaube allein kann Berge versetzen!“).